Monatsarchiv für Dezember 2011

London Open, Fortsetzung 5. Dezember 2011

Das vorletzte Spiel des 1/8-Finalabends war das Spiel von Davide Bianchetti gegen den an Nummer 2 gesetzten Südafrikaner Stephen Coppinger.

Über Davide Bianchetti muss man ja nicht viel schreiben. Wer ihn nicht kennt, lese folgenden Artikel:
http://www.telegraph.co.uk/sport/othersports/squash/8863080/Squash-World-Open-2011-world-referees-to-lobby-life-ban-on-Italys-Davide-Bianchetti-over-court-tirade.html

Ich hatte bisher nur einmal das Vergnügen ihn zu schiedsen, nämlich im Endspiel der Dresden Open vor ca. 10 Jahren gegen Anthony Ricketts aus Australien, der ebenso alles andere als pflegeleicht bekannt war und es war problemlos. Meine Güte, wenn ich heute daran denke was ich für ein Glück hatte ;-)

Zurück nach London. Das Spiel von Coppinger gegen Bianchetti wurde von einem Londoner Wildcard-Spieler geschiedst und so schiedste er leider auch, mal ganz davon abgesehen, dass er während des Schiedsen den Inhalt einer Chipstüte mit entsprechender Geräuschkulisse verputzte.
Davide monierte dieses Verhalten richtigerweise auch als respektlos.

Davide schien wohl seine Lehren aus seiner Disqualifikation bei der WM gezogen zu haben, denn obwohl der Wildcard-Spieler kaum mal eine richtige Entscheidung fällte und davon die meisten Fehler gegen Davide waren, hatter er sich ziemlich gut im Griff und “kommentierte” die Entscheidungen in den beiden Anfangssätzen nur mit Kopfschütteln.
Ab dem 3.Satz fing es aber dann doch an so langsam in Davide zu brodeln und es gab dann auch mal deutlichere Nachfragen beim überforderten Schiri, aber immer noch im Rahmen des normal üblichen, wenn man die Unfähigkeit des Schiris damit in Relation setzte.

Im 4. Satz aber kam dann doch der alte Davide Bianchetti raus als er nach einem verschlagenen Ball seinen Schläger auf dem Courtboden zerlegte.
Der Schiri schien aber ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, denn es gab noch nichtmals eine Verwarnung. So verlor Bianchetti das Spiel dann trotz Satzballes mit 11-13 im 4.Satz. Schade, den 5.Satz hätte ich gerne noch gesehen.
Erstaunlich fand ich dabei die Ruhe, die sein Gegner Copinger bei all dem ganzen hatte, denn der nahm alles was passierte ganz gelassen zur Kenntnis, aber er schien sich mit Bianchetti ganz gut zu verstehen und so korrigierten die beiden dann auch mal gegenseitig Fehlentscheidungen des Schiris.

Das letzte Spiel des Abends wurde dann tatsächlich vom Verlierer des vorletzten Spieles des Abdnes geschiedst und das war eben Davide Binachetti. Und Davide schiedste tadellos! Jetzt kann man nachvollziehen warum er so gerne mit den Schiris diskutiert, wenn er selbst ein so guter Schiri ist.

Nun zum 1/4-Finaltag:

Letztendlich habe ich sogar 2 Spiele geschiedst und wie immer hat Murphys Law mal wieder zugeschlagen, denn mal wieder waren meine Spiele beides 5-Satz-Spiele und damit auch die längsten des Tages. Da kann ich fast schon Wetten drauf abschließen, egal ob es in der BL oder bei NRW-Ranglistenturnieren oder eben bei solchen internationalen Spielen ist, dass ich immer die längsten Spiele schiedse.

Mein erstes Spiel waren die 21-jährige ägyptische Nummer 40 der WRL Karim Abdel Gawad gegen die englische Nummer 108 der WRL, nämlich Eddie Charlton, der aber bis dahin als Qualifikant in der Runde davor schon den auf Platz 64 der WRL stehenden Engländer Robbie Temple geschlagen hatte, gegen den Raphael Kandra erst vor wenigen Wochen bei einem Turnier in Asien verloren hatte.

Das Spiel selbst war trotz seiner Länge von 76 Minuten wohltuend ruhig und komprikationslos, wie man es eben von internationalen Spitzenspielern gewohnt ist, mit sicher weniger als 10 Entscheidungen pro Satz, die auch alle kommentarlos akzeptiert wurden.
Ein außergewöhnliches Vorkommnis gab es aber doch.
Dem Spieler Gawad ist wohl zu Beginn einer Satzpause eine Kontaktlinse rausgefallen. Er zeigte sie mir auf der Fingerspitze und bat mich darum, dass er die Satzpause überziehen dürfte, da er es in der normalen Satzpause wohl kaum schaffe sie wieder einzusetzen.

Da ich von so einer Situation noch nie etwas gehört hatte und es bei dem Turnier ja keinen Oberschiri gab, den ich hätte um Rat fragen können, entschied ich innerlich für mich, dass man es es analog wie eine selbst zugezogene Verletzung behandeln könnte und gab ihm 3 Minuten Zeit die Kontaktlinse wieder einzusetzen.
Der Gegenspieler muckte zwar kurz, gab aber dann auch sein o.k. dazu.

Mittlerweile habe ich einen sehr hochrangigen Schiri im Facebook-Chat kontaktiert und er meinte, dass es keine Verletzung gewesen sei, sondern nur ein Ausrüstungswechsel und ich ihm daher nur hätte 90 Sekunden Zeit geben dürfen, aber letztendlich sei meine Entscheidung eine elegante Lösung gewesen.
Da bin ich ja dann beruhigt ;-)

Dem Turnierdirektor, hier im Bildvordergrund zu sehen:
http://www.squashsite.co.uk/2009/2011pics/london57.jpg

hatte meine Schirilieistung wohl so gut gefallen dass er mich fragte, ob ich das letzte Spiel des Abends schiedsen würde, nämlich das Spiel seines über mehrere Ecken Verwandten Aamir Atlas Khan gegen den Engländer Chris Simpson, der kürzlich in der BL gegen Raphael Kandra und Jens Schoor jeweils knapp gewonnen hatte, denn einen Pakistani hätte er ja nicht schiedsen lassen können und der ägyptische Verlierer des vorherigen Spieles wollte auf keinen Fall schiedsen.

Akzeptansprobleme bei den Let- und Ball-an-Entscheidungen gab es in diesem 71-Minuten-Spiel wieder nicht, aber dafür hatte Khan wohl große Probleme damit zu erkennen (oder es selbst zuzugeben?), wenn er doppelte Bälle gespielt hat, denn gefühlt habe ich wohl an die 10mal Ballwechsel wegen doppelt gespielten Bällen abbrechen müssen. 7mal davon wurde das auch ohne Murren von ihm akzeptiert, also wusste er da wohl genau, dass ich Recht hatte. Im 5.Satz wollte er aber auch das 2mal nicht mehr akzeptieren und dementsprechend murrte dann auch das halbe aus seinen Landsleuten bestehende Publikum.

So dachte ich mir, dass ich ab jetzt meinen Mund halten wolle, solange der Gegner nicht deutlich anzeigen würde, dass er einen Ball ebenso doppelt gesehen habe.

Leider passierte das aber bei 9-9 im 5.Satz, dass ein Ball so dermaßen offensichtlich doppelt war und vom Gegner Simpson auch per erhobenem Arm angezeigt wurde, dass ich nicht anders konnte als die richtige aber unpopuläre Entscheidung zu treffen und somit dem Gegner Simpson Matchballe beschert wurde, den er auch prompt nutzte.

Und so hat auch in diesem Falle wieder Murphys Law zugeschlagen, dass mein Gerechtigkeitssinn größer als der Gedanke war was passieren würde, wenn man gegen den Favoriten des Publikums entscheiden würde.

Aber nun gut, dafür ist man halt Schiri, dass man Gerechtigkeit walten lässt und die anderen Gedanken dabei ausblendet.

Der Turnierleiter nahm es mir aber nicht krumm, denn er lud mich nach dem Spiel auf ein Bier an der Theke ein und er bestätigt mir, dass er bis auf 2mal alle Bälle ebenfalls doppelt gesehen hatte.

So, das wars. Am 1/2-Final und am Finaltag war ich nicht mehr da weil ich etwas anderes zu tun hatte.

Bis dann mal wieder. Spätestens im Februar melde ich mal mich wieder hier, wenn ich von den Britischen Meisterschaften aus Manchster berichten werde, evtl. aber schon früher. Mal sehen.

MfG Oliver

London Open 2. Dezember 2011

Hallo Leute,

nach lange Zeit melde ich mich mal wieder, nachdem es dieses Jahr wegen der Unruhen in Aegypten dort nix zu schiedsen gab und bei all den anderen events (ausser der U15/17-Jugend-EM) bei denen ich geschiedst oder zugeschaut habe, die Squashnet-Redaktion selbst vor Ort war und ich dabei dann nicht auch noch meinen Senf dazu geben wollte.

Hier in London bin ich aber alleine. Die Squashnet-Redaktion meinte, aber ich solle in meinen Berichten mehr ueber das Drumherum berichten und weniger ueber die matches selbst, denn das wuerde sich aus den Ergebnissen sowies ergeben, ausser es gab Besonderheiten.
Nun gut, versuche ich es mal :-)

Ich war also beim gestrigen 1/8-Finaltag dieses Turniers http://squashnet.de/squash-events/coronation-london-open-2011-m-london und beim gleich beginnenden 1/4-Finaltag.

Das Turnier findet im Cumberland-Lawn-Tennis-und Squash-Club statt, der im Norden von Central London liegt. Der Club liegt mitten in einem Wohngebiet in einer Seitenstrasse und sieht von aussen aus wie ein normales 2-stoeckiges Wohnhaus. Man muss sogar klingeln, um reinzukommen. Dann aber sieht man, dass der Club doch gar nicht so klein ist. Hinterm Haus sind ein paar Rasentennisplaetze und im Haus sind neben den 4 Squashcourts auch noch 2 Tischtennisplatten, ein Fitnessbereich und eine relativ grosse Gastronomie mit fuer Londoner Verhaeltnisse sehr zivilen Getraenkepreisen. Ein Pint Bier z.B. kostet umgerechnet nur 2,70 Euro. Goeffnet wird schon morgens ab 7.00 Uhr !!!!
Die 4 Squashcourts bestehen aus 3 Courts ohne Glasrueckwand, wovon aber einer von oben schiedsbar ist. Der wurde gestern fuer die Damenspiele benutzt. Der gestrige Herren-Court, der heute fuer alle 8 Viertelfinalspiele benutzt werden wird, hat aber eine normale Glasrueckwand und eine kleine Zuschauertribuene, die 60 Plaetze fasst.

Turnierleiter des Turniers ist Zubair Jahan Khan, der 1997 die Nummer 8 der WRL war, der sehr sympathisch ist, aber ein kleiner Macho zu sein scheint, denn als ich ihn drauf ansprach, dass die Nr. 2 der Damenweltrangliste Jenny Duncalf unter den Zuschauerinnen sei, meinte er nur, dass er sie nicht kenne, da er sich nicht fuer Damen-Squash interessiere. Kein Wunder, dass die Preisgeldreduzierung des Turnieres im Vergleich zum letzten Jahr um 4.000 USD komplett auf Kosten des Damenfeldes ging.
Und bei den Schiris wird hier jedes Jahr auch gespart, denn obwohl es sich um ein 20.000 USD-PSA sowie 6.000 USD-WISPA-Turnier handelt, muessen hier die Verlierer/innen des vorherigen Spiels schiedsen, es sei denn Zubairs Bruder oder ein pakistanischer Freund (der aber katastrohal schiedste) helfen aus, wenn sich bei den Herren die Spieler vorm schiedsen druecken. Daher bot ich an auch ein Spiel schiedsen und bekam gerade ein Turnier-Shirt geschenkt, welches ich gleich beim Schiedsen anziehen solle.

Auch einen Oberschiri habe ich hier nicht gesehen.

Da das Preisgeld des Damen-Turniers nur 30% des Herrenpreisgeldes ausmacht, ist das Damen-Feld entsprechend auch schwaecher besetzt. Im Damen-Feld kam man als Nr. 126 der WRL noch ins Hauptfeld sowie bis Nr.273 in die Qualifikation, waehrend bei den Maennern die Hauptrunde bis Nr.67 der WRL ging und die Qualifikation bis Nr.152.
Komisch, dass hier kein Deutscher Spieler dabei ist, denn mit Billigflieger nach London ist es doch kein Problem und einfacher als in die ganze Welt in die USA, Kanada, Australien, Katar, HongKong usw zu fliegen.

So, dass zu den Randgeschichten.

Kleine Anmerkungen zu den Spielen. Im Damenfeld gab es eine Wildcard in der Qualifikation fuer eine Spielerin, die gar nicht in der Weltrangliste steht, naemlich die 43-jaehrige Schottin Senga Macfie. Die war zu ihrer besten Zeit mal die Nummer 16 der WRL. In der Qualifikationsfinalrunde gewann sie sogar gegen die Nummer 144 der WRL mit 11:9 im 5.Satz.
Und scheinbar meinte sie, dass sie gestern gegen eine Spielerin, die in den 60ern der WRL steht, auch eine Chance haette. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die so vor Ehrgeiz, aber auch gleichzeitig aus Wut ueber sich selbst zerfressen war.
Es gab permanente Selbstgespraeche nach jedem schlechten Schlag, Kopfnuesse gegen die Seitenwand und auch sich Selber-Schlagen mit dem Schlaeger. Nuetzte alles nix. Senga verlor sang- und klanglos in 24 Minuten 0-3.
Beim Schiedsen danach genehmigte sie sich dann erstmal einen Pint Bier.

So, gleich beginnen die Spiele. Mal sehen ob ich spaestens am Montag die Fortsetzung von gestern, naemlich der Biancheti-Show und vom heutigen Tag schreiben kann. Ob ich am WE an einen PC komme, weiss ich noch nicht.

Bis dann.